watching the world walk by in its curious shoes
An Franz Meiller zieht die Welt vorbei. Mindestens die eine. Er schaut ihr zu. Beobachtet sie. Also sich. Was sonst? The colors of the rainbow so pretty in the sky are also on the faces of people going by (L. Armstrong) Natürlich ist auch er unentrinnbar Teil, Spiegel-, Abbild der Allheit des Vielen in Einem, aber irgendwie gelingt es ihm immer wieder, aus der Welt herauszufallen, also einen HALT zu finden, sich mindestens gemächlicheren Strömungsgeschwindigkeiten auszusetzen. Der Künstler bleibt bei sich und mit-ein-Ander(er), wird Chronist, Zeuge, dabei selbstverständlich verstrickt in Zeit und Raum, beeinflusst, kujoniert, geerdet von Polymetrik, Vielklang, Bilderflut. Sein In-der-Welt-Sein ist bestimmt von ständiger Bewegung, wechselnden Perspektiven. Wer, wenn nicht Franz Meiller, kann davon künden?! Sammle nur Rosenknospen, solang du kannst/ die alte Zeit verfliegt dir doch (Robert Herick). Nur: Die Zeit fließt nicht, sie existiert einfach. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nur Illusionen, wenn auch hartnäckige (A. Einstein). Dem gegenwärtigen Augenblick ist jede absolute, universelle Bedeutung abzusprechen. Gleichzeitigkeit ist ein relativer Begriff. Zwei Ereignisse, die von einem Bezugssystem aus beobachtet im selben Augenblick stattfinden, können von einem anderen Bezugssystem aus zu unterschiedlichen Zeiten eintreten. Unterschiede solcher Art vereiteln jeden Versuch, dem gegenwärtigen Augenblick besondere Bedeutung zu verleihen, denn auf wessen "Jetzt" bezieht sich dieser Moment?
Für den Interessenten, der sich auf den Weg in eine Meiller-Ausstellung macht, gehören die ausgestellten Bilder noch zu einer unentschiedenen Zukunft, für den Besucher, der die Fotografien gerade betrachtet, zur ein-, zwei-, x-deutigen Gegenwart, für den Künstler selbst bereits zur feststehenden Vergangenheit. In Momenten des vermeintlichen/tatsächlichen Inne- und Festhaltens ist Franz Meiller nicht abgespalten von, ist vielmehr aufgespalten in der Welt. Nutzt das glücklicherweise so geschmackvoll wie schamlos aus. Macht Bilder. Ausschnitte, die ihm von und in allen Welten angeboten, vorgegeben werden. Hat er Einfluss auf das, was er sucht und findet? Trifft er eine (Aus-)Wahl?
Sein Statement: Nicht ich als `Akteur´ mit der Kamera suche nach dem inszenierten Bild, sondern es verhält sich andersherum, dass nämlich die Welt an mir vorbeizieht, neugierig, vielleicht gar nicht auf mich, ständig in Bewegung, unüberschaubar für mich, weil ich ja immer nur einen Ausschnitt überblicken kann, allenfalls eine Richtung festzustellen in der Lage bin. Auch die sich daraus ergebende Tatsache, dass das "Festhalten" eines Bildes ein Vorgang des Schauens, des Zeuge-Seins ist, der dieser sich neugierig vorbeibewegenden Welt vielleicht nicht einmal bewusst ist. Und für sie ganz und gar nicht relevant. Autorenschaft ist ein Konstrukt. Was ist von mir? Schon ich selbst bin nicht von mir (Sophie Rois). Ein Bild ist voll von unzählig anderen, sowohl zuvor gefundenen/gesuchten, also geschaffenen wie noch zu entdeckenden Bildern, Teil des/eines lückenlos Zusammenhängenden, an dem Franz Meiller leidenschaftlich wie demütig mitwirkt. Und ihm ist nur zu bewusst, dass seine Bilder bereits im Augenblick ihres Entstehens essentielle Teile unzähliger und sehr bewegter Energien sind.
Er schaut zu, wie die Welt vorübergeht. Festhalten bleibt ein Traum. Ein schöner, tröstlicher, schäumen-der. Ausschnitthaft kann ich sie im Foto beim Vorüberziehen "festhalten", die Welt, aber nur für mich, sie weiß ja nichts davon und ist inzwischen eh schon woanders. Die Ausschnitte liegen dann vor, als Fragmente, und bilden die Welt ab, aber mit riesigen Lücken. Die Lücken finde ich interessant. Die Bruchstücke, das Nicht-Kontinuierliche, das Unverbundene, ja teils Gegensätzliche. Die spektakulären Momente und die unscheinbaren. Und dann hängen alle nebeneinander, verbunden durch diese Lücken, auf die keiner schaut. (Franz Meiller) Die aber überhaupt nicht existieren. Die Lücken. Die Verbindungen sind doch trotz aller Fragmentierungen, Bearbeitungen, Gegensätzlichkeiten einfach da, vorgegeben. Vielleicht in diesem und jenem Moment nicht sicht-, aber immer spürbar.
Franz Meiller arbeitet – und natürlich hat das mit seiner Empfindsamkeit und seinem Können wie den ihm gemachten Zureichungen zu tun – mit/an einer ausladenden, symphonisch anmutenden BilderWELT. Und weiß um die wundervolle Kraft von Stille, Pause, Bruch. Anderes bleibt ihm nicht übrig. Die Tuttipassagen hängen scheinbar eingefroren/fixiert an den Wänden. Nur scheinbar absurd, nicht wirklich getrennt. Tatsächlich wild bewegt tönend. Spätestens seit John Cages 4’33’’ wissen wir um das Dazwischen, Daneben, Davor, Dahinter, die links und knots, der Absenz von Stille. Tröstlich wie spannend. Zum Glück verwirrend. Und erst beim Erspüren, Durchschauen, Erhören des Gesamten beginnen wir zu ahnen, welcher Part – Mitspieler, Rezipient, Beides - uns zugewiesen ist, was uns mit dem Künstler, der Spaziergängerin am Meer, der Mopedfahrerin auf der Straße, dem Kletterer an der Wand, den Passanten auf dem Gehsteig verbindet.
Franz Meillers schöpferische Ausdrucksmittel und seine eigensinnige künstlerische Wirkmächtigkeit beweisen eindrucksvoll, wie man mit dem nur in Zehntelsekunden zu erledigenden Festhalten=Gestalten eines AugenBLICKS Grenzen der Wahrnehmung überschreitet, verschiebt, neu auslotet, damit Sehgewohnheiten in freundlichster Weise bricht und anders sortiert. Die hohe Schule der Fotokunst: Vorgefundenes oder Arrangiertes durchSCHAUEN, leidenschaftlich und/oder kühl kalkulierend erFASSEN, kongenial mit bestem Wissen und unterschiedlichen Apparaturen festHALTEN - immer in dem Bewusstsein, dem Betrachter mannigfache Möglichkeiten der Mit-, Nachgestaltung bieten zu können.
Die hier ausgestellten neun Arbeiten können unterschiedlicher nicht sein, sind aber „nur“ die akzentuierten, im Moment ganz vorn positionierten Bestandteile einer Serie. Meiller führt uns einmal um die halbe sichtbare Welt und offenbart uns seine eigene, nämlich unsere in fast – mehr geht nicht - vollem Umfang. Und die hat immer mit inneren und äußeren Bewegungen zu tun. Da wird gelaufen, gefahren, gesprungen, gescatet, gebeugt, gewandert. Über die Kontinente, in/an Stadt-Land-Fluss-Meer tun das Menschen unterschiedlichen Geschlechts, jeden Alters von 2012 bis 2017 zu verschiedenen Zeiten. Oder? Also hier und jetzt in dieser Ausstellung haben sie sich/wurden sie zumindest synchronisiert. Ihre Energien, von Franz Meiller erkannt, geschützt, vielleicht bewahrt, auf alle Fälle übereinandergelegt, gar verbunden: Gleichzeitig. Man darf es ruhigen Gewissens wiederholen: Der Meiller kann zaubern! Zur Erinnerung: Groß, sehr groß sind die von Franz Meiller bevorzugten Formate. Bilder in Abmessungen von 3 x 4 Metern sind die Regel. Trotzdem kommen seine Fotografien, ob in leuchtenden Farben oder in schwarzweißer Melancholie, erstaunlich leicht, durchlässig und heiter einladend daher. Es könnte sein, dass die positive Energie seiner Bilder sehr viel mit einer bestimmten Arbeitsweise zu tun hat: Franz Meiller kreiert, gestaltet streng komponierend oder spontan improvisierend ausschließlich beim Aufnehmen. Nachbearbeitungen, photoshoppende Veränderungen, Eingriffe sind seine Sache nicht. Das letzte Wort gebührt dem Künstler: Diese Bilder oder Bruchstücke schauen auf die Betrachter als eine Welt in neugierigen Schuhen, die an ihnen vorübergeht.
Christian Kneisel, Kurator Galerie Michael Schultz
Christian Kneisel