Essay von Christian Kneisel

[2polar] – Christian Kneisel

Die Fotografie hat unsere Wahrnehmung der Welt geprägt und unser Verhältnis zur Wirklichkeit verändert. Sie ist, mehr noch als bewegte, erst recht als gemalte Bilder, das allgegenwärtige Medium unserer Zeit, beständiger Bestandteil unseres Alltags. Jedermann ist ihr als Rezipient in nahezu jeder Lebenslage ausgesetzt. Jedermann versucht sich zudem als aktiver Gestalter und verfügt über immer bessere technologische Möglichkeiten, sein Lebensumfeld und zunehmend sich selbst abbilden zu können.

Seit der Erfindung der Fotografie um 1839 wird immer wieder die Frage gestellt, ob ein Massenmedium Kunst sein kann. Selbst der bedeutende Fotograf Henri Cartier-Bresson (1908 – 2004) stellte klar: „Die Fotografie ist ein Handwerk. Viele wollen daraus eine Kunst machen, aber wir sind einfach Handwerker, die ihre Arbeit gut machen müssen.“ Henry Fox Talbot (1800 - 1877), der Erfinder des fotografischen Abzugs auf Papier, war aber bereits vor 160 Jahren der Ansicht, die Fotografie sei „eindeutig ein Werkzeug, das in die Hände des findigen Geistes und der Kunst“ gehöre.

Erste Anerkennung als Kunstform bekam die Fotografie durch die epochemachende, von Alfred Stieglitz (1864 - 1946) herausgegebene Fotozeitschrift „Camera Work“ und die gleichnamige New Yorker Ausstellung im Jahr 1917. Walker Evans (1903 - 1975) war der erste Fotograf, dem das Museum of Modern Art im Jahr 1938 eine monografische Ausstellung widmete. Der Ausstellungskatalog „American Photographs“ ist das erste Künstlerbuch in der Geschichte der Fotografie. Spätestens die von neun deutschen, niederländischen und schweizerischen Museen organisierte „Weltausstellung der Fotografie“, die 555 Fotos von 264 Fotografen aus 30 Ländern zum Thema „Was ist der Mensch?“ präsentierte, verhalf 1964 der Fotografie als Kunstform zum internationalen Durchbruch.

Trotzdem verstummen bis heute nicht jene Stimmen, die der Fotografie die Anerkennung als „autonome Kunst“ streitig machen. Tatsächlich sind Argumente wie „Der Fotograf kann die Welt nur abbilden, der Maler hingegen transzendiert die Wirklichkeit!“ oder „In der Fotografie kann allein deswegen nicht von einem Original gesprochen werden, weil sich von jedem Negativ bzw. von jeder digitalen Vorlage unzählige Abzüge herstellen lassen!“, längst widerlegt.

Die häufig gestellte Frage, welche Aspekte der fotografischen Produktion ihr einen Werkscharakter verleihen, ist von bedeutenden Fotokünstlern mit ihren Arbeiten hinreichend beantwortet worden. Franz Meiller ist einer von ihnen. Seine schöpferischen Ausdrucksmittel und seine eigensinnige künstlerische Wirkmächtigkeit beweisen eindrucksvoll, wie man mit dem nur in Zehntelsekunden zu erledigenden Festhalten=Gestalten eines AugenBLICKS Grenzen der Wahrnehmung überschreitet, verschiebt, neu auslotet und damit Sehgewohnheiten in freundlichster Weise bricht und anders sortiert. Die hohe Schule der Fotokunst: Vorgefundenes oder Arrangiertes durchSCHAUEN, leidenschaftlich und kühl kalkulierend erFASSEN, kongenial mit bestem Wissen und unterschiedlichen Apparaturen festHALTEN - immer in dem Bewusstsein, dem Betrachter mannigfache Möglichkeiten der Mit- und Nachgestaltung bieten zu können.

Die zwei Frauen auf der Straße (Zwei Frauen, München, 2016), die Schauspieler auf der Bühne (Hands Up, Otto Falckenberg Schule, 2011), stehen stellvertretend für die vielen Bilder, die dem Schauenden unterschiedlichste Räume der Phantasie und Imagination öffnen und ihn einladen, die jeweilige Geschichte in seiner Weise weiter oder ganz anders zu erzählen. Das gelingt bei der Auseinandersetzung mit fotokünstlerischen Werken immer, beim Betrachten von Abbildungen eher selten.

Meiller entdeckt, erkennt im Alltäglichen das Besondere, im Einzigartigen das Bekannte - in allem das Widersprüchliche und Ambivalente. Seine Aufnahmen aus Grönland (Grönland, 2012) oder Griechenland (Verdeckt, Griechenland, 2008) machen Leer- und Zwischenräume deutlich sicht-, mehr noch spürbar. Die in Düsseldorf (Abgespielt, 2007) und Leipzig (Ankunft, 2012) entstandenen, Ankunft und Abschied im Theater thematisierenden Bilder, setzen den Betrachter einem Wechselbad verheißungsvollen Aufbruchs wie beginnender Einsamkeit aus. Die Liste der Meiller interessierenden und umtreibenden Gegensätzlichkeiten ist lang. Ihn fasziniert das Schwarzweiße, Dunkelhelle, Buntgraue, Scharfverschwommene. Beeindruckend ist, wie unterschiedlich, wie wechselhaft sich Franz Meiller den Subjekten seiner künstlerischen Begierden nähert. Das Bild des an einem öffentlichen Telefon stehenden Jungen (Ohren, Kuba, 2014) ist eine Moment!Aufnahme, die nur dem gelingen kann, der sich Beobachtungsgabe, Blickweise und Spontanität eines Kindes erhalten hat. Franz Meiller findet und gestaltet Motive, aber Motive sind auch auf der Suche nach ihm. Das Werk [2polar] von 2016, Passanten vor einem Münchner Friseursalon, wurde mit der sinnlichen Präzision eines Komponisten geschaffen. Bei aller Unterschiedlichkeit eint das übrigens alle Werke Franz Meillers. Man imaginiert beim Betrachten beispielsweise eines Moped fahrenden Mädchens (Girl on moped, Ho-Chi-Minh-Stadt, 2016) oder eines Meereswellen entfliehenden Jungen (Flucht, San Sebastian, 2015) nicht nur die inhärenten (Motoren-, Brandungs-)Geräusche sondern vielfältigste Klangwelten. Meillers Bildkompositionen erzeugen im Kopf des Schauenden mannigfaltige Verknüpfungen – von harmonischen Tonfolgen bis zum dissonanten Cluster. Da kann die Konfrontation mit tosender Stille (Prozession, Niederbayern, 2010) eine willkommene, (scheinbar) erholsame Abwechslung sein.

Eine Fotografie taugt wenig als Abbild der Realität, die Objektivität fotografischer Bilder ist immer eine scheinbare. Franz Meiller macht uns das in besonders feinsinniger Weise bewusst. Er sucht und findet vermeintlich wie tatsächlich gegensätzliche, sich dennoch immer gegenseitig bedingende Pole. Er sieht, egal ob nebenan oder draußen in der Welt, immer genau und stets anders hin! Ganz gleich, ob er geduldig auf den richtigen Augenblick wartet oder spontan auslöst, immer gelingt es ihm, den entscheidenden, den unvergleichlichen und spannungsvollen Moment einer Situation, ja auch eines Gegenstandes einzufangen. Mit den Bildern eines vor oder von einem imposanten Kunstwerk laufenden Mädchens (Invasion, Normandie, 2009) und einer vor einem Bunker innehaltenden Frau (Torso, Andalusien, 2013) wird Franz Meiller zum erinnernden Chronisten. Er stellt diese Bilder bewusst gegen-, nebeneinander. Die Werke sind in sich und im Verhältnis zueinander widersprüchlich, gegensätzlich wie korrespondierend: Die beiden rot gekleideten Menschen scheinen vor den Mahnmalen fast zu verschwinden, tatsächlich behaupten sie sich und helfen dem Betrachter allein durch Körperhaltung bzw. Bewegung, die Erinnerungen an Angriff und Verteidigung, an Befreiung und Aggression deutlicher fassen zu können.

Die Mühsal des in unwirtlicher Landschaft bei schlechtem Wetter Wandernden (Heimwärts, Sizilien, 2008), die aufgeregt-konzentrierte Freude eines Wassersportlers (Wassersport, Kärnten, 2007) stehen beispielhaft für das oben genannte Thema „Was ist der Mensch?“, das auch für die Kunst Franz Meillers das bestimmende ist. Von wenigen Ausnahmen abgesehen schafft er Fotografien, in deren Mittelpunkt widersprüchlich Menschliches verhandelt wird - ohne zu versäumen, im selben oder im benachbarten Bild auf das darüber Hinausgehende, die Natur, die Schöpfung, zu verweisen. Franz Meiller nähert sich immer mit Respekt und Demut, allerdings auch mit viel Mut und noch mehr Heiterkeit Menschen, Landschaften, Horizonten, dem Ähnlichen und Nahen, dem Fernen und Fremden. Er weiß um den empathischen Umgang mit dem Lebendigen, um den angemessenen mit dem Erkalteten. Das ist sehr fein und dringend nötig. Groß, sehr groß sind die von Franz Meiller bevorzugten Formate. Bilder in Abmessungen von 3 x 4 Metern sind die Regel. Trotzdem kommen seine Fotografien, ob in leuchtenden Farben oder in schwarzweißer Melancholie, erstaunlich leicht, durchlässig und heiter einladend daher. Es könnte sein, dass die positive Energie seiner Bilder sehr viel mit einer bestimmten Arbeitsweise zu tun hat: Franz Meiller kreiert, gestaltet streng komponierend oder spontan improvisierend ausschließlich beim Aufnehmen. Nachbearbeitungen, digitale Veränderungen, Eingriffe, sind seine Sache nicht. Franz Meiller ist angetreten, die Kunsthalle Brennabor zu verzaubern. Ich gehe jede Wette ein, dass ihm das gelingen wird!

Christian Kneisel, Kurator Kunsthalle Brennabor

Christian Kneisel

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